Epilepsie und Begleiterkrankungen

Bei von Epilepsie Betroffenen können im Vergleich zur allgemeinen Bevölkerung bestimmte Erkrankungen häufiger vorkommen. Ein großer Teil der Epilepsie-Patient:innen leidet häufig unter psychischen Störungen wie Depression und Angststörungen, Schlafstörungen und kognitiven Störungen (z. B. Gedächtnis, Sprache, Koordination, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit).

Bei Menschen mit Epilepsie ist aufgrund der Erkrankung und ihrer neurobiologischen (das Gehirn betreffende), pharmakologischen (durch Medikamente bedingte) als auch psychosozialen Folgen die Wahrscheinlichkeit, eine psychische Begleiterkrankung zu bekommen, größer als bei gesunden Menschen. In diesem Kapitel wollen wir uns mit den Ursachen dafür auseinandersetzen und aufzeigen, wo Betroffene in akuten oder langfristigen Lebenskrisen Hilfe bekommen können.

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Epilepsie und Depression

Die häufigste Form länger dauernder psychischer Erkrankungen bei Menschen mit Epilepsie sind Depressionen. Aber auch Angststörungen kommen bei Menschen mit Epilepsie häufiger vor als in der Allgemeinbevölkerung.

Jeder Mensch hat individuelle Ängste, die aufgrund der persönlichen Lebensumstände variieren und unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Bei Menschen mit Epilepsie kann sich — aufgrund der Anfallsgefahr und möglichen Anfallsfolgen wie z. B. Stürzen — aus normalen Ängsten leichter eine Angststörung entwickeln als bei Menschen ohne chronische Erkrankungen.

Die Angst vor dem nächsten Anfall

Bei Menschen mit Epilepsie treten aus verschiedenen Gründen häufiger Ängste auf. Zum einen gibt es biologische Zusammenhänge zwischen Epilepsie und Angst, z. B. kann Angst direkt als ein Symptom der Epilepsie-Erkrankung selbst auftreten; dies ist vor allem bei Anfällen der Fall, die ihren Ursprung im Schläfenlappen haben (Temporallappenepilepsie). Zum anderen kann die Angst ein Ausdruck der psychischen Belastung sein, die mit der Epilepsie-Erkrankung einhergeht. Aber auch die zur Behandlung eingenommenen Anti-Anfallsmedikamente bzw. eine Anpassung dieser Medikamente können Ängste auslösen oder verstärken.

frau mit epilepsie trinkt eine tasse kaffee auf einem pier

Einige Betroffene fürchten sich vor der Unvorhersehbarkeit der Anfälle. Bei anderen Betroffenen kann die Angst zu plötzlichen Panikattacken führen. Diese äußern sich neben dem Angstgefühl in körperlichen Beschwerden wie Atemnot, Herzrasen, Zittern, Schwitzen, Übelkeit, Schwindel oder Hitzewallungen. Für die Diagnose und gezielte Therapie von Angststörungen können neben der behandelnden Ärztin/dem behandelnden Arzt auch eine Psychologin/ein Psychologe aufgesucht werden. Bei einigen Patient:innen kann darüber hinaus eine medikamentöse Therapie in Betracht gezogen werden.

Einschränkungen beeinträchtigen das Selbstwertgefühl

Viele Menschen mit Epilepsie müssen im Alltag Einschränkungen sowohl im Privat- als auch im Berufsleben hinnehmen: So wird bei einer aktiven Epilepsie die Erlaubnis zum Führen eines Autos in der Regel aufgehoben oder nicht erteilt. Auch bestimmte Freizeitaktivitäten wie zum Beispiel bestimmte Sportarten können von Menschen mit Epilepsie eventuell nicht oder nur noch eingeschränkt ausgeübt werden. Anhaltende Vorurteile durch Vorgesetzte, Kolleg:innen sowie Mitmenschen im privaten Umfeld können darüber hinaus zu Ausgrenzung und einem verminderten Selbstbewusstsein führen.

Menschen mit Epilepsie leiden häufiger an Depressionen

Depressionen sind die häufigste Form länger andauernder psychischer Störungen bei Epilepsie-Patient:innen – sie treten bei mindestens 20 % der Erkrankten auf und haben dabei häufig keinen direkten Bezug zu epileptischen Anfällen. Dabei versteht man unter dem Begriff „Depression“ eine anhaltende krankhafte Niedergeschlagenheit mit Freudlosigkeit, die oft auch mit körperlichen Beschwerden wie beispielsweise Appetitmangel und Schlafstörungen verbunden sein kann. Die Ursachen für Depressionen können sehr unterschiedlich sein. Depressionen können eine Reaktion auf die Umgebung, d. h. infolge negativer Erfahrungen mit dem beruflichen und sozialen Umfeld oder auch Nebenwirkung einer Therapie mit Anti-Anfallsmedikamenten sein. Sie hängen aber oft auch mit der Epilepsie selbst zusammen. So treten Depressionen besonders häufig bei Patient:innen auf, die unter Anfällen leiden, die im linken Schläfenlappen entstehen.

Depressionen sind heutzutage glücklicherweise gut behandelbar. In ca. 80 % der Fälle führt eine Behandlung mit sogenannten Antidepressiva zu einer deutlichen Besserung der depressiven Symptome; dieser Therapieerfolg stellt sich bei einer die Epilepsie begleitenden Depression dabei in der Regel schon nach 1 bis 2 Wochen ein. Dabei ist eine frühe und konsequente Therapie von Depressionen entscheidend für den Behandlungserfolg.

Der Depression den Kampf ansagen

Wohl jeder Mensch, ob mit oder ohne Epilepsie, erlebt Phasen, in denen sie oder er sich antriebslos, niedergeschlagen, mutlos oder traurig fühlt. Solche Zeichen gehören zum normalen Erleben, wenn sie vorübergehend – z. B. im Zusammenhang mit herausfordernden privaten oder beruflichen Situationen auftreten. Bleiben die negativen Gefühle jedoch über längere Zeit (Wochen oder sogar Monate) erhalten, sollte das Gespräch mit der behandelnden Ärztin/dem behandelnden Arzt gesucht und gemeinsam nach Lösungsmöglichkeiten gesucht werden. In Abhängigkeit von der Ursache der Stimmungsprobleme ist es zudem möglicherweise sinnvoll, eine Psychologin/einen Psychologen oder eine Psychiaterin/einen hinzuzuziehen. Hilfreich kann auch der Austausch mit Freund:innen und Verwandten sowie der Kontakt zu anderen Betroffenen über eine Selbsthilfegruppe sein.

Wichtig ist, die eigene Erkrankung anzunehmen und zu lernen, trotz möglicher Einschränkungen die Freude am Leben nicht zu verlieren. Die Auseinandersetzung mit der eigenen Erkrankung kann dabei helfen, mit anderen offen über die Erkrankung zu sprechen und sich anderen Menschen anzuvertrauen.

Schlafstörungen bei Epilepsie:
Mehr als nur unausgeschlafen

Schlaf ist für die Gesundheit mindestens genauso wichtig wie Ernährung und Bewegung. In unserer modernen Gesellschaft ist es allerdings schwer, seiner inneren Uhr zu folgen und dem Körper die individuell benötigten Ruhephasen zukommen zu lassen. Zu eng sitzt das Korsett aus beruflichen und privaten Verpflichtungen und Terminen. Dazu kommen bei vielen Menschen, gerade in der aktuellen Zeit, wirtschaftliche oder private Sorgen und Zukunftsängste, die die Betroffenen auch oder vor allem nachts nicht zur Ruhe kommen lassen.

Zu wenig oder wenig erholsamer Schlaf beeinträchtigt alle Menschen in ihrem Wohlbefinden, bei Menschen mit Epilepsie hat ausreichend Schlaf jedoch noch eine ganz besondere Bedeutung: So gelten fehlender oder verkürzter Nachtschlaf, eine verminderte Schlaftiefe sowie Verschiebungen der üblichen Schlafenszeit um mehrere Stunden als anfallsbegünstigende Faktoren.

Körperliche und psychische Beschwerden als Ursache von Schlafstörungen

Zu den physiologischen Ursachen für wenig erholsamen Schlaf zählen beispielsweise Atemstörungen im Schlaf, darunter die sogenannte obstruktive Schlafapnoe. Eine solche Ursache für Schlafstörungen sollte vor allem dann in Betracht gezogen werden, wenn das Körpergewicht erhöht ist – was teilweise auch durch einige anfallsunterdrückende Medikamente mitverursacht werden kann.

Ein weiterer, bei Menschen mit Epilepsie relativ häufiger Grund für schlechten Schlaf sind Depressionen. Als Ursache für diesen Zusammenhang vermuten Forscher:innen, dass der bei Depressionen dauerhaft erhöhte Spiegel von Stresshormonen im Blut die Betroffenen nicht zur Ruhe kommen lässt, sie befinden sich in dauerhafter Alarmbereitschaft. Entsprechend zeigen Messungen der Hirnströme bei Depression eine übermäßige und stabile Wachheit, die dazu führt, dass die Betroffenen schlecht einschlafen können, nicht sehr tief schlafen und auch früh erwachen.

Doch auch ohne an einer Depression erkrankt zu sein, können die psychischen und sozialen Belastungen des (Epilepsie-)Alltages zu Sorgen und Ängsten führen, die das Ein- und Durchschlafen erschweren (Insomnie). Und nicht zuletzt können auch einige zur Behandlung der Epilepsie eingesetzte Medikamente den Schlaf beeinträchtigen.

Epileptischer Anfall im Schlaf

Aber auch nächtliche, oft nicht bemerkte oder am Morgen nicht erinnerte epileptische Anfälle können den Schlaf stören. Hinweise auf Anfälle im Schlaf können morgendliche Bissverletzungen an der Zunge, unerklärte Verletzungen an den Gliedmaßen, Einnässen, Muskelkater oder Kopfschmerzen sein.

Besteht der Verdacht auf nächtliche Anfälle, ermöglichen Uhren und/oder Matratzen mit Bewegungssensoren die Aufzeichnung von Bewegungen im Schlaf. Bei Anfällen ohne motorische Beteiligung kann auch eine Videoüberwachung helfen. Am zuverlässigsten lassen sich nächtliche Anfallsereignisse jedoch mithilfe einer Langzeit-Video-EEG-Untersuchung über mehrere Nächte in einer spezialisierten Klinik diagnostizieren.

Dabei können auch nächtliche Bewegungsstörungen detektiert werden, die zwar nicht auf die Epilepsie zurückzuführen sind, den Erholungswert des Schlafes aber trotzdem nachhaltig beeinträchtigen. Dazu zählen zum Beispiel das Schlafwandeln, Zuckungen von Armen und Beinen (vor allem in der Einschlafphase) oder Albträume und Panikattacken.

Schlafstörungen ansprechen

Was auch immer die Ursache für schlechten Schlaf ist, die Auswirkungen sind ähnlich: ein beeinträchtigtes Wohlbefinden, ausgeprägte Tagesmüdigkeit, eine eingeschränkte Leistungsfähigkeit und schlimmstenfalls eine erhöhte Anfallshäufigkeit. All dies belastet den Alltag der Betroffenen noch weiter. Die Behandlung möglicher Schlafstörungen ist deshalb wichtig und sollte unbedingt Teil des Epilepsiemanagements sein.

Wird von ärztlicher Seite die Thematik nicht angesprochen, scheuen Sie sich nicht, Ihre Schlafprobleme von sich aus zu schildern und um eine Prüfung der Medikamente hinsichtlich deren Wirkung auf den Schlaf zu bitten – einige Wirkstoffe fördern den Schlaf, andere können ihn stören. Dabei gilt: Je kürzer eine Schlafstörung besteht, desto einfacher gelingen therapeutische Maßnahmen. Eine Chronifizierung sollte vermieden werden.

Sind die Schlafstörungen stärker ausgeprägt und nicht körperlich oder medikamentös bedingt, kann eine spezielle, auf die Schlafproblematik fokussierte Psychotherapie helfen.

Tipps für einen erholsamen Schlaf

Doch auch unabhängig von ärztlichen Maßnahmen können schon kleine Änderungen des Tagesablaufes und der abendlichen (Einschlaf-)Routine helfen, besser ein- und durchzuschlafen. Dazu zählen der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin und der Schweizerischen Epilepsie-Liga zufolge unter anderem folgende Maßnahmen der Schlafhygiene:

  • Seien Sie regelmäßig körperlich aktiv, am besten vor 18 Uhr; verzichten Sie jedoch auf ungewohnt anstrengende Sporteinheiten.
  • Verzichten Sie auf ungewohnt üppige Abendmahlzeiten und koffeinhaltige Getränke ab dem frühen Nachmittag.
  • Verzichten Sie am Abend auf Alkohol; dieser kann zwar beim Einschlafen helfen, beeinträchtigt aber das Durchschlafen.
  • Regelmäßige Zubettgeh- und Aufstehzeiten (+/- 1 Stunde)
  • Ausreichende Schlafdauer (7–10 Stunden); die individuell benötigte Schlafdauer kann man ermitteln, indem man etwa eine Woche lang regelmäßig ausschläft.
  • Alltagsaktivitäten und Sorgen vor dem Zubettgehen bewusst loslassen; dabei können Entspannungsübungen oder Meditation helfen.
  • Schaffen Sie eine angenehme, ruhige und kühle Schlafumgebung.
  • Verzichten Sie im Bett auf Aktivitäten am Bildschirm (z. B. Mobiltelefon oder Laptop).
  • Verzichten Sie bei Tagesmüdigkeit auf einen ausgiebigen Mittagsschlaf; besser ist ein Power-Nap für maximal 15 Minuten und nicht später als am frühen Nachmittag.
  • Passen Sie die Liegezeiten im Bett an Ihre Schlafzeiten an: Bleiben Sie nicht wach im Bett liegen, wenn Sie nicht schlafen können. Bei Schlafstörungen sollte das Bett nur zum Schlafen benutzt werden.

Risiko für kognitive Beeinträchtigungen
ist bei Epilepsie erhöht

Menschen mit Epilepsien können an kognitiven Störungen leiden, d. h. Beeinträchtigungen in den Bereichen Gedächtnis, Sprache, Koordination, Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Als Ursachen für kognitive Defizite bei Menschen mit Epilepsien kommen mehrere Faktoren in Frage, die häufig zusammen auftreten. Wesentliche Einflussgrößen sind dabei:

  • Art der Grunderkrankung, d. h. angeborene oder erworbene Erkrankung oder Verletzung,
  • Dauer der Epilepsie,
  • Alter bei Epilepsiebeginn sowie Anfallsart und -häufigkeit,
  • Einflüsse der Therapie und Nebenwirkungen von Anti-Anfallsmedikamenten.

Psychische und kognitive Störungen als Nebenwirkungen von Anti-Anfallsmedikamenten

Da Anti-Anfallsmedikamente ihre Wirkung hauptsächlich im zentralen Nervensystem, also im Gehirn, entfalten, besteht bei der Einnahme die Möglichkeit, dass diese einen negativen Einfluss sowohl auf Psyche als auch auf kognitive Funktionen bei den Patient:innen haben. Dabei hängt das Auftreten und die Ausprägung der Nebenwirkungen sowohl vom Wirkstoff als auch von der Dosierung des entsprechenden Anti-Anfallsmedikaments ab. So gibt es Anti-Anfallsmedikamente, die bei von Epilepsie Betroffenen depressive Symptome hervorrufen können, während andere stimmungsaufhellende Eigenschaften besitzen. Daneben gibt es Wirkstoffe, die ein günstiges kognitives Nebenwirkungsprofil zeigen, während andere kognitive Nebenwirkungen, z. B. in Form von Konzentrations- oder Gedächtnisstörungen, aufweisen können.

DE-N-DA-EPI-2000017          Aktualisierung: Dezember 2022