Kann Epilepsie geheilt werden?

Das höchste Ziel einer ärztlichen Behandlung ist die Genesung der Patient:innen. Wie kann dieses Ziel bei einer neurologischen Erkrankung, wie der Epilepsie, erreicht werden? Kann man geheilt und überhaupt wieder gesund werden?

Laut der Deutschen Gesellschaft für Neurologie und deren Leitlinie aus dem Jahr 2017 gilt Epilepsie als „überwunden“, wenn Patient:innen mit einem altersabhängigen Epilepsie-Syndrom, jenseits des entsprechenden Alters anfallsfrei sind oder wenn Patient:innen mindestens 10 Jahre anfallsfrei sind und seit mindestens fünf Jahren keine Anti-Anfallsmedikamente mehr einnehmen. Ob eine Epilepsie unter diesen Vorbedingungen jedoch tatsächlich als überwunden gelten kann bzw. wie hoch ein mögliches Risiko für das Wiederauftreten der Anfälle (das Rezidiv-Risiko) ist – diese Fragen können derzeit noch nicht eindeutig beantwortet werden.

Die Fachgesellschaft sieht das Beenden einer Epilepsietherapie daher insgesamt als problematisch an. Zwar suggeriert die neue Definition der internationalen Leitlinien, dass Epilepsie „ausheilen“ kann, ohne dass dafür – abgesehen von bestimmten Epilepsien in der Kindheit – deutliche Hinweise bestehen. Eine praktische Handlungsempfehlung oder therapeutische Konsequenzen lassen sich aus der Definition aber nicht ableiten.

Das sagen die Leitlinien:

„Die Beendigung einer antiepileptischen Therapie sollte sorgfältig überlegt werden. Es gibt
bisher keinen Biomarker* für das Rezidivrisiko oder für weiterbestehende Anfallsfreiheit. Die Zahl der anfallsfreien Jahre ist weniger entscheidend als das Syndrom und die Schwierigkeit der Einstellung. Grundsätzlich sollte überlegt werden, ob die Ursachen der Epilepsie weggefallen sind. Die Konsequenzen eines Rezidivs müssen gegen die Vorteile des Absetzens abgewogen werden.”

* Biomarker = messbares biologisches Merkmal

Anfallsfreiheit

Die Anfallsfreiheit ist das primäre Ziel der Epilepsie-Behandlung. Dank moderner Anti-Anfallsmedikamente ist bei etwa 70 % der Patient:innen eine gute Anfallskontrolle möglich, wenn sie konsequent die verordneten Medikamente einnehmen. Unter einer guten Anfallskontrolle versteht man dabei eine völlige Anfallsfreiheit oder nur sehr wenige Anfälle bei guter Verträglichkeit des Medikaments bzw. der Medikamente. Wird eine Anfallsfreiheit mit der medikamentösen Behandlung nicht erreicht, dann werden zumindest eine Senkung der Anfallshäufigkeit und eine Verminderung der Anfallsstärke angestrebt.

Häufig bestimmen die Form der Epilepsie und das Alter, in dem sie auftritt, die Wahrscheinlichkeit einer möglichen Anfallsfreiheit. Bei bestimmten Epilepsien, die in der Kindheit auftreten, zum Beispiel die Rolando-Epilepsie, sind die Chancen besonders hoch. 

Wann kann eine medikamentöse Behandlung beendet werden?

Eine generelle Empfehlung, wann bzw. bei welchen anfallsfreien Patient:innen die Medikamente abgesetzt werden können, kann nicht gegeben werden. Ob Anti-Anfallsmedikamente weggelassen werden können oder nicht, ist also von Patient:in zu Patient:in unterschiedlich und muss stets unter Berücksichtigung der individuellen Gegebenheiten entschieden werden.  Die Anti-Anfallsmedikamente können nur dann in enger Abstimmung mit der behandelnden Fachärztin bzw. dem behandelnden Facharzt schrittweise abgesetzt werden, wenn davon auszugehen ist, dass das Auftreten von Anfällen zumindest so unwahrscheinlich ist, dass das Risiko von unerwünschten Nebenwirkungen der medikamentösen Behandlung ungefähr ebenso hoch ist wie das Risiko für ein Auftreten weiterer Anfälle. 

Das Absetzen der Medikamente sollte aber sorgfältig überlegt werden, denn die grundsätzliche Neigung für epileptische Anfälle bleibt bestehen. Grundsätzlich wirken Anti-Anfallsmedikamente nur symptomatisch, indem sie Anfälle unterdrücken; die Ursache der Erkrankung bleibt jedoch bestehen. Selbst bei Anfallsfreiheit wird in vielen Fällen nur bei erfolgreichen epilepsiechirurgischen Eingriffen die Ursache der Epilepsie beseitigt. 

Ein Versuch, die Medikamente abzusetzen, könnte unter folgenden Voraussetzungen überlegt werden:

  • lange Anfallsfreiheit über mehrere Jahre
  • kurze Erkrankungs-Vorgeschichte mit insgesamt wenigen Anfällen
  • rasches Erreichen der Anfallsfreiheit

DE-N-DA-EPI-2000010          Aktualisierung: Juni 2022