Anfallsform und Art der Epilepsie

Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde sehr allgemein von „der Epilepsie“ als Krankheit gesprochen. Inzwischen verfügt man über weitreichende Erkenntnisse zur Erkrankung und ist in der Lage die Symptome, Anfallsformen und Epilepsiearten wesentlich differenzierter zu beschreiben. Daher sprechen Mediziner nicht mehr von „der Epilepsie“ oder „dem epileptischen Anfall“.

Die biologische Grundlage für epileptische Anfälle ist eine erhöhte Neigung von Nervenzellen zu heftigen und synchronen Entladungen. Diese können entweder beide Großhirnhälften gleichzeitig betreffen oder in einem regional begrenzten Bereich des Großhirns beginnen und sich dann – innerhalb von Sekunden – auf weitere Bereiche ausbreiten. Diese gleichzeitige Entladung ganzer Gruppen von Nervenzellen führt zu plötzlich auftretenden und unwillkürlich ablaufenden Veränderungen des Bewusstseins, des Verhaltens, der Wahrnehmung, des Denkens, des Gedächtnisses oder zu Anspannungen der Muskulatur. Es kommt also zu einer vorübergehenden Störung von Nervenzellen des Gehirns, die zu sehr unterschiedlichen Symptomen führen und verschiedene Ursachen haben kann.

Die eine Ursache für eine erhöhte Anfälligkeit scheint es allerdings nicht zu geben. Vielmehr handelt es sich um ein individuelles Zusammenspiel verschiedener Faktoren, wie zum Beispiel genetischer Veranlagungen oder im Laufe des Lebens entstandener Schäden im Gehirn.

Um eine strukturierte Orientierung für Ärzte und Betroffene im Rahmen der Diagnose und Therapieentscheidung zu ermöglichen, hat die Internationale Liga gegen Epilepsie (ILAE) eine Klassifikation der Epilepsie erarbeitet. Diese wurde zuletzt 2017 aktualisiert. 

Die Klassifizierung von Epilepsie erfolgt über 3 Stufen

Stufe 1: Im ersten Schritt wird die Anfallsform bestimmt, basierend auf der Lokalisierung des Anfalls im Gehirn. Entstehen die Anfälle nur in einem örtlich begrenzten Bereich des Gehirns spricht man von fokalen Anfällen. Sind hingegen von Beginn an beide Gehirnhälften betroffen, handelt es sich um einen generalisierten Anfall.

Anfälle, bei denen nicht bekannt ist, wo sie lokalisiert sind, werden der Kategorie „unklassifiziert“ zugeordnet. Wie sich ein epileptischer Anfall äußert, ist abhängig davon, welche Bereiche des Gehirns in welchem Umfang betroffen sind und welche Funktion die beteiligten Nervenzellen haben. Das Spektrum der Symptome reicht von einem bloßen „Gefühl“ oder einer kurzen Muskelzuckung bis hin zu Sturz, Bewusstseinsverlust oder Verkrampfung des ganzen Körpers (Grand-mal).

Stufe 2: Im nächsten Schritt wird die Art der Epilepsie ermittelt. Es wird anhand von Anfallstypen zwischen fokalen und generalisierten Epilepsiearten unterschieden. Zusätzlich gibt es „kombinierte generalisierte und fokale Epilepsien“. Dieser Gruppe werden Betroffene zugezählt, die sowohl fokale als auch generalisierte Anfälle haben. Zudem gibt es die Gruppe der unklassifizierten Epilepsiearten. Hier lässt sich die Epilepsieart aufgrund von unzureichenden Informationen nicht feststellen.

Gerüst der Epilepsieklassifikation

Schema zur Klassifizierung der Epilepsie nach Anfallsform, Ursache und Begleitsymptomen
Mod. nach Scheffer I.E. et al., Z Epileptol 2018; 31: 296-306

Stufe 3: Im dritten Schritt wird das „epileptische Syndrom“, sofern möglich, bestimmt. Als Syndrom bezeichnet man eine typische Kombination von Symptomen und Merkmalen einer Krankheit. Zu den erforderlichen Informationen, um ein Syndrom feststellen zu können, gehören: Alter zu Beginn der Erkrankung, Tageszeit des Auftretens der Anfälle, sämtliche klinischen Anzeichen, sowie EEG-Befunde und bildgebende Untersuchungen, wie ein MRT. Epilepsien werden also zunächst nach der Anfallsform und dann nach ihrem Ursprung eingeteilt. Für die genaue Beschreibung wird zusätzlich die Ursache, die sogenannte Ätiologie – wenn bekannt – mit aufgeführt.

Auf den folgenden Seiten finden Sie ausführliche Erläuterungen zu den einzelnen Anfalls- und Epilepsieformen. Erfahren Sie mehr zu den häufigen fokalen Epilepsien, zu generalisierten Epilepsien und Absencen sowie zu den kombinierten Epilepsien. Erfahren Sie auch, was sich hinter den Begriffen „dissoziative Anfälle“ und „akut symptomatische Anfälle“ verbirgt.