Fokale Epilepsie

Eine fokale Epilepsie wird durch fokale Anfälle (fokal = herdförmig, nur einen Teil betreffend) gekennzeichnet. Diese gehen von einem bestimmten Bereich des Gehirns aus, können sich jedoch von dort auf das gesamte Gehirn ausbreiten. Anhand der Symptome des jeweiligen Anfalls kann der Arzt häufig Rückschlüsse auf den Ausgangsort eines epileptischen Anfalls im Gehirn ziehen. Fokale Anfälle können von unterschiedlichen Bereichen des Großhirns ausgehen. Früher wurde anstatt des Begriffs „fokal“ der Begriff „partiell“ verwendet“.

Die Einteilung fokaler Anfälle

Anfälle können nach Beeinträchtigung während des Anfalls unterteilt werden in:

  • Anfälle ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins
    Das Bewusstsein ist nicht gestört und der Patient kann in der Regel selbst die Symptome des Anfalls schildern.
  • Anfälle mit Beeinträchtigung des Bewusstseins, frühere Bezeichnung "dyskognitiv" oder "komplex fokal"
    Bei diesen Anfällen ist das Bewusstsein in unterschiedlichem Ausmaß beeinträchtigt und meistens können nur Außenstehende, wie Angehörige oder Zeugen, die Anfallssymptomatik genau beschreiben.

Weitere optionale Unterteilung in Abhängigkeit vom Beginn

  • Mit beobachtbarem motorischen Beginn zum Beispiel über Automatismen, epileptischen Spasmen sowie atonischen, klonischen, hyperkinetischen, myoklonischen oder tonischen Entäußerungen.
  • Mit nicht-motorischem Beginn, wie Innehalten oder kognitive, emotionale, sensorische oder autonome Symptome.

Anfälle können sich zu einem bilateral tonisch-klonischen Anfall entwickeln, wobei beide Gehirnhälften betroffen sind. Dies wurde früher als „sekundärer generalisierter Anfall“ oder „sekundäre Generalisierung“ bezeichnet.

Unter den neu aufgetretenen, unprovozierten Anfällen bei Erwachsenen zählen ca. zwei Drittel zu den fokalen Anfällen. Fokale Epilepsien sind somit häufiger als generalisierte Epilepsien. Die Behandlung einer fokalen Epilepsie mit einem Antiepileptikum führt bei etwa 60 bis 70 Prozent der Betroffenen zu einer Anfallsfreiheit.

Beispiele für fokale Epilepsie und fokale Epilepsiesyndrome

Epilepsie/Epilepsiesyndrom Alter bei Auftreten
Rolando-Epilepsie oder benigne Epilepsie des Kindesalters mit zentrotemporalen Spikes (BECTS) Kind
Epilepsie des Kindesalters mit okzipitalen Paroxysmen (am häufigsten Panayiotopoulos- Syndrom) Kind
Primäre Lese-Epilepsie Jugend
Temporallappen-Epilepsie (Schläfenlappen-Epilepsie) Kind/Jugend/ Erwachsen
Frontallappen-Epilepsie (Stirnlappen-Epilepsie) Kind/Jugend/ Erwachsen
Parietallappen-Epilepsie (Scheitellappen-Epilepsie) Kind/Jugend/ Erwachsen
Okzipitallappen-Epilepsie (Hinterhauptslappen-Epilepsie) Kind/Jugend/ Erwachsen
Hauptsächlich Temporal-, Frontal-, Parietal- und Okzipitallappen-Epilepsien ohne feststellbaren strukturellen Defekt. Kind/Jugend/ Erwachsen

Fokale Epilepsien bei Erwachsenen

Temporallappen-Epilepsie (Schläfenlappen-Epilepsie)

Bei Erwachsenen sind Schläfenlappenepilepsien die häufigste Form. Sie können z. B. aufgrund von gutartigen Tumoren, Schlaganfällen oder Gefäßfehlbildungen auftreten. Es sind aber eine Vielzahl weiterer Ursachen möglich und die Anfallshäufigkeit ist sehr unterschiedlich. Den fokalen Anfällen mit Beeinträchtigung des Bewusstseins gehen häufiger solche ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins voraus. Betroffene berichten oft von einer so genannten epigastrischen Aura mit einem — von der Magengegend über die Speiseröhre bis zum Mund — aufsteigenden Kribbel- oder Wärmegefühl.

Frontallappen-Epilepsie (Stirnlappen-Epilepsie)

Ein Merkmal dieser Epilepsieform ist die hohe Anfallsfrequenz. Dabei kann es sich um verschiedene Anfälle mit und ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins handeln. Die Anfälle beginnen und enden meist plötzlich und sind von kurzer Dauer (meist unter 30 Sekunden). Mögliche Ausprägungsformen sind: wildes Um-sich-Schlagen, Strampeln oder Radfahrbewegungen oder nächtliches Aus-dem-Bett-Springen.

Parietallappen-Epilepsie (Scheitellappen-Epilepsie)

Diese Form ist sehr selten. Typische Symptome bei derartigen Anfällen ohne Bewusstseinsstörungen sind Missempfindungen wie ein Kribbeln oder „Ameisenlaufen“, ein Taubheitsgefühl oder akustische Wahrnehmungen, Halluzinationen und Drehschwindel.

Okzipitallappen-Epilepsie (Hinterhauptlappen-Epilepsie)

Weniger als fünf Prozent aller fokalen Anfälle sind auf diese Epilepsieform zurückzuführen. Wenn bei den Betroffenen derartige Anfälle ohne Beeinträchtigung des Bewusstseins auftreten, berichten sie von Trugwahrnehmungen in Form von Blitzen oder Lichtpunkten. Die Anfälle können sich allerdings rasch auf benachbarte Hirnregionen ausweiten.

Fokale Epilepsien im Kindes- und Jugendalter

Fokale Epilepsien mit genetischer Ursache sind an das Kindes- und Jugendalter geknüpft. Beispiele hierfür sind die Rolando-Epilepsie (auch genannt benigne Epilepsie des Kindesalters mit zentrotemporalen Spikes, was ein typisches Erscheinungsbild im EEG beschreibt), die Epilepsie des Kindesalters mit okzipitalen Paroxysmen und die primäre Lese-Epilepsie. Darüber hinaus gibt es auch im Kindes- und Jugendalter strukturell bedingte fokale Epilepsien. Genauere Erläuterungen der Epilepsien im Kindesalter finden Sie hier