Epilepsien und epileptische Anfälle im Kindesalter

Epileptische Anfälle und Epilepsien können in jedem Lebensalter – auch schon bei Neugeborenen – auftreten. Manche Epilepsieformen heilen nach wenigen Jahren von allein aus und beeinträchtigen die Entwicklung des Kindes nicht nennenswert. Bei anderen Epilepsieformen, wenn diese auf angeborene Stoffwechselstörungen oder schwere Fehlentwicklungen des Gehirns zurückzuführen sind, kann es sein, dass die Anfälle trotz medikamentöser Behandlung auch im Erwachsenenalter weiterbestehen.

Im Folgenden finden Sie eine kurze Beschreibung der wichtigsten Epilepsien und Anfallsformen nach jeweiliger Altersgruppe. Epilepsiesyndrome bei Kindern und Jugendlichen werden im nächsten Kapitel ausführlich erläutert.

Epilepsie bei Neugeborenen

Die Gründe für sog. Neugeborenenanfälle sind sehr vielfältig. Zu den häufigsten Ursachen zählen:

  • Sauerstoffmangel im Gehirn, der vor, während oder kurz nach der Geburt auftritt und das Gehirn schädigt,
  • Blutungen im Gehirn,
  • Stoffwechselstörungen,
  • Entwicklungsstörungen,
  • Infektionen oder Entzündungen des Gehirns oder
  • Entzug oder Überdosierung von mütterlichen Medikamenten.

Die Anfallssymptome sind entsprechend der Ursachen unterschiedlich, aber häufig recht unauffällig. Zum Beispiel können Anfälle mit einzelnen oder mehreren Beugezuckungen auftreten. Die Aussicht auf Heilung der Neugeborenenanfälle ist ebenfalls von der Ursache abhängig. Bis zu 70 Prozent der Neugeborenen mit Anfällen können mit entsprechender Behandlung anfallsfrei werden. Zwar treten bei nahezu jedem zweiten Kind in der Folgezeit noch epileptische Fieberanfälle auf, aber nur etwa zehn Prozent der Menschen, bei denen Neugeborenenanfälle auftraten, leiden auch als Erwachsene unter einer Epilepsie.

Frühe myoklonische Enzephalopathien

Diese Enzephalopathien sind eine seltene, aber ernsthafte Erkrankung, die gewöhnlich in den ersten Lebenstagen, manchmal direkt nach der Geburt, beginnen. Sie sind gekennzeichnet durch unregelmäßig auftretende Anfallsformen, beispielsweise asymmetrisch und zufällig die Körperhälften wechselnde Myoklonien (Muskelzuckungen), einfache fokale Anfälle und generalisierte tonisch-klonische Anfälle.

Viele Ursachen kommen für diese Enzephalopathien in Frage, speziell werden genetische Defekte diskutiert, die auch zu schweren Stoffwechselstörungen führen können. Die Prognose ist eine der ungünstigsten aller Epilepsien. Viele der erkrankten Kinder sterben innerhalb der ersten zwei Lebensjahre. Zu den frühen myoklonischen Enzephalopathien zählt das Ohtahara-Syndrom, das in ein West-Syndrom übergehen kann.

Gutartige frühkindliche myoklonische Epilepsie

Diese seltene Form der Epilepsie tritt zwischen dem vierten Lebensmonat und dem dritten Lebensjahr auf. Die Myoklonien, die von vielen Eltern als „Zuckungen“ beschrieben werden, können in der Stärke schwanken und zu jeder Tageszeit auftreten. Jungen sind doppelt so häufig betroffen wie Mädchen. Nur selten kommt es zu einer leichten Entwicklungsverzögerung. Meist zeigen sich keine Auffälligkeiten in der körperlichen oder geistigen Entwicklung der betroffenen Kinder.

Epilepsie bei Kleinkindern

Die Bezeichnung Kleinkind trifft auf Kinder vom ersten bis zum fünften Geburtstag zu. Bei schätzungsweise vier Prozent aller Kinder treten bis zum fünften Lebensjahr epileptische Anfälle auf.

Wichtige in diesem Alter beginnende Epilepsien und Epilepsiesyndrome sind:

Epileptische Fieberanfälle

„Fieberkrämpfe“ sind die häufigste Form epileptischer Anfälle. Sie gelten als eine Sonderform der akut symptomatischen Anfälle. Zwei bis vier Prozent aller Kinder im Alter von fünf Jahren haben mindestens einen Fieberkrampf.

So genannte akut symptomatische Anfälle (ASA; früher bezeichnet als Gelegenheitsanfälle) treten nur bei bestimmten auslösenden Bedingungen auf und zählen somit nicht zu den Epilepsien. Fieberanfälle äußern sich meist in generalisierten tonisch-klonischen Anfällen mit einer Dauer von ca. zwei bis drei Minuten bei rasch ansteigendem Fieber. Sie können eine Komplikation einer Impfung sein, treten dann häufig innerhalb der ersten 24 bis 72 Stunden nach der Impfung auf und sind wahrscheinlich auf das schnell ansteigende Fieber zurückzuführen.

Fieberanfälle werden in einfache und komplexe Fieberanfälle unterschieden.

Einfache Fieberanfälle dauern weniger als 15 Minuten. Etwa 80 Prozent der Fieberanfälle hören nach eineinhalb bis zwei Minuten von selbst auf.  

Komplexe Fieberanfälle hingegen können länger als 15 Minuten andauern. In diesen Fällen muss der Anfall unterbrochen werden, zum Beispiel durch Verabreichung eines antiepileptischen Notfallmedikaments.

kind im bett bekommt fieber gemessen

Für die Eltern kann ein Fieberanfall sehr dramatisch sein. Das Kind kann blau anlaufen, sich versteifen, die Augen verdrehen und mit Armen und Beinen zucken. Dennoch besteht meistens kein Grund für eine dauerhafte antiepileptische Behandlung. Tritt ein Anfall auf, sollte das betroffene Kind so früh wie möglich zur Erleichterung der Atmung auf die Seite gelegt werden.
Um das Fieber zu senken, können feuchte Wickel oder ein kühles Bad und die Zuführung von fiebersenkenden Medikamenten eingesetzt werden. Die meisten Menschen, bei denen in der Kindheit Fieberkrämpfe auftraten, zeigten in der weiteren Entwicklung keine Komplikationen.

Epilepsiesyndrome, die im frühen Kindesalter auftreten können, wie das Lennox-Gastaut-Syndrom und das Doose-Syndrom, werden im Kapitel ausführlich beschrieben.

Epilepsie bei Kindern

Die meisten Kinder mit Epilepsie entwickeln sich normal. Sie gehen, wie alle Gleichaltrigen in den Kindergarten, in die Schule und durchlaufen die verschiedenen kindlichen Entwicklungsphasen.
Es gibt mehrere Epilepsie-Formen, die ausschließlich Kinder betreffen und im Kindheits- oder Jugendalter das erste Mal auftreten:

Rolando-Epilepsie

Die Rolando-Epilepsie ist eine gutartige, fokale Epilepsieform im Kindes- und Jugendalter mit Beginn zwischen dem zweiten und zwölften Lebensjahr. Die Rolando-Epilepsie ist eine der häufigsten fokalen Epilepsien des Kindesalters.

Die zunächst fokalen Anfälle, ohne Bewusstseinsstörung, treten hauptsächlich während der Nacht auf und gehen gelegentlich in bilateral tonisch-klonische Anfälle über. Meist fühlen die betroffenen Kinder während der Anfälle ein starkes Kribbeln oder haben andere Missempfindungen in einer Mund- oder Gesichtshälfte. Die Entwicklung der Rolando-Epilepsie wird langfristig als günstig eingeschätzt. Die Anfälle bilden sich meist spätestens bis zum 20. Lebensjahr selbstständig zurück.

Die Vererbung spielt bei der Rolando-Epilepsie eine wichtige Rolle. Mehr als 30 Prozent der erkrankten Kinder haben Verwandte mit Epilepsie.

Nicht jede Rolando-Epilepsie muss behandelt werden. Jedoch ist bei hoher Anfallshäufigkeit oder in Kombination mit fokal-bilateralen Anfällen eine Behandlung erforderlich. Unter medikamentöser Behandlung besteht eine über 90-prozentige Chance, anfallsfrei zu werden.

Kindliche Absence-Epilepsie

Die kindliche Absence-Epilepsie ist die häufigste generalisierte Epilepsie des Kindesalters und beginnt meist im Alter von fünf bis acht Jahren. Die Ursache ist genetisch bedingt, wobei verursachende Gene noch weitgehend unbekannt sind. Die Anfälle äußern sich als kurze, abrupt einsetzende und wieder endende Bewusstseinsaussetzer mit offenen, starren Augen, wobei die Kinder meist plötzlich in dem, was sie gerade tun, innehalten. In der Regel liegt die Dauer zwischen vier und 20 Sekunden. Die Anfälle treten täglich und manchmal sehr häufig (bis 100 und mehr pro Tag) auf. Aufgrund der sehr typischen EEG-Veränderungen ist die Diagnosestellung relativ eindeutig. Bedauerlicherweise kann es aber lange dauern, bis diese Kinder bei einem Kinderneurologen vorgestellt werden, da sie zuvor als „Tagträumer“ oder „Hans-guck-in-die-Luft“ angesehen werden. Die Prognose der kindlichen Absence-Epilepsie ist sehr günstig. Mit den geeigneten Medikamenten kann in bis zu 90 Prozent der Fälle eine Anfallsfreiheit erreicht werden. Jedoch treten bei etwa 40 Prozent der Betroffenen in der Pubertät und Jugend generalisierte tonisch-klonische Anfälle (Grand-mal-Anfälle) auf.

Epilepsie bei Jugendlichen

Häufige generalisierte Epilepsien im Jugend- und frühen Erwachsenenalter sind Juvenile Absence-Epilepsie (JAE), Juvenile myoklonische Epilepsie (JME) und Epilepsien mit Grand-mal-Anfällen. Bei den fokalen Epilepsien sind Temporallappenepilepsien und Frotallappenepilepsien häufig vertreten.

Juvenile Absence-Epilepsie

Die juvenile Absence-Epilepsie (JAE) ist gekennzeichnet durch das Auftreten typischer Absence-Anfälle. Die Anfälle sind allerdings meist kürzer als bei der kindlichen Form und können ohne Bewusstseinsverlust verlaufen. Die körperliche und geistige Entwicklung der Betroffenen ist unauffällig. Diese genetisch bedingte generalisierte Epilepsie tritt meist im Alter von zehn bis 14 Jahren erstmals auf, also kurz vor oder während der Pubertät. Teilweise können die Anfälle durch bestimmte Faktoren wie Schlafmangel, Fotostimulation oder Hyperventilation provoziert werden. Eine relativ geregelte Lebensführung ist deshalb wichtig. Die Prognose ist gut, bei etwa drei Viertel aller Patienten können die Anfälle mit dem geeigneten Medikamenten vollständig unterdrückt werden.

Juvenile myoklonische Epilepsie

Die juvenile myoklonische Epilepsie (JME) ist eine sehr häufige genetisch bedingte Epilepsie bei Jugendlichen und Erwachsenen. Sie macht etwa zehn Prozent aller Epilepsien in dieser Altersgruppe aus.

Typischerweise beginnt die JME im Alter zwischen acht und 26 Jahren, meist jedoch zwischen dem 12. und dem 18. Lebensjahr. Die myoklonischen Anfälle, also die typischen kurzen Muskelzuckungen, insbesondere im Bereich der Arme und Schultern, treten morgens kurz nach dem Aufstehen auf. Sie sind nicht kontrollierbar und unerwartet, deshalb führen sie häufig zu verschüttetem Kaffee oder weggeworfenen Zahnbürsten. Die Betroffenen und auch die Angehörigen nehmen diese Anfälle oft nicht ernst und bringen sie nicht mit einer eventuellen Epilepsie in Verbindung. Erst wenn auch generalisierte tonisch-klonische Anfälle (Grand-mal-Anfälle) hinzukommen, wird ärztlicher Rat hinzugezogen.

Als auslösende Faktoren – auch für die Grand-mal-Anfälle – kommen Schlafmangel, Übermüdung, Stress oder extreme Lichtreize in Frage und sollten daher vermieden werden. Mehr noch als bei der juvenilen Absence-Epilepsie ist eine geregelte Lebensführung zur Vermeidung von Anfällen wichtig.

Dies kann bei den betroffenen Jugendlichen manchmal eine große Herausforderung sein. Die Erkrankung ist zwar in den meisten Fällen sehr gut behandelbar, aber bei Therapiebeendigung besteht ein sehr hohes Risiko für erneute Anfälle.