Epilepsie und Arbeit

Ein Beruf ist für Menschen nicht nur von ökonomischer Bedeutung, sondern sorgt auch für Selbstvertrauen. Menschen, die vorübergehend oder dauerhaft keiner beruflichen Tätigkeit nachgehen, leiden oft unter einem niedrigeren Selbstwertgefühl, was zu schweren psychischen Erkrankungen wie Depressionen führen kann. Es ist ein längst widerlegtes Vorurteil, dass Menschen mit Epilepsie nicht so leistungsfähig und intelligent sind wie ihre Mitmenschen. Bei dem Großteil der Epilepsie-Patienten besteht hinsichtlich der Leistungsfähigkeit und der Häufigkeit krankheitsbedingter Ausfälle kein Unterschied zu Mitarbeitern ohne Epilepsie. Menschen mit Epilepsie unterscheiden sich zudem nicht in ihrer Intelligenz von Menschen ohne Epilepsie und sind in beinahe allen Berufsfeldern anzutreffen.

Nur ein geringer Teil der Epilepsie-Patienten kann aufgrund häufiger und schwerer Anfälle oder einer Mehrfachbehinderung nicht im gleichen Maße am Arbeitsleben teilhaben wie gesunde Menschen.

Epilepsie ist folglich kein Hinderungsgrund für eine berufliche Tätigkeit, obgleich viele Betroffene Nachteile und Vorurteile am Arbeitsplatz fürchten. Bei vielen Arbeitgebern steht lediglich Unwissen einer Anstellung von Menschen mit Epilepsie im Weg. In einem solchen Fall ist es sinnvoll, sich an eine Epilepsie-Beratungsstelle, das Netzwerk Epilepsie und Arbeit (TEA) oder den Integrationsfachdienst zu wenden, die zwischen Bewerber oder Mitarbeiter und Arbeitgeber vermitteln. Darüber hinaus ist das Netzwerk Epilepsie und Arbeit der richtige Ansprechpartner bei allen Fragen von Betroffenen, Angehörigen von Menschen mit Epilepsie, Arbeitgebern und interessierten Firmen in Bezug auf Epilepsie und Arbeit.

Berufswahl und Epilepsie

Bei der Berufswahl spielen wie bei jedem Menschen die individuellen Interessen, Stärken und Fähigkeiten eine ausschlaggebende Rolle. Darüber hinaus sind bei Menschen mit Epilepsie die Anfallsform und -häufigkeit von Bedeutung.

Anfallsfreie Menschen mit Epilepsie haben nur wenige berufliche Einschränkungen.

Dieser Personenkreis benötigt aus gesundheitlichen Gründen in der Regel keine besonderen Hilfen zur Integration in das Berufsleben. Die Berufsgenossenschaft hat eine Broschüre (BGI 585) mit Empfehlungen zu den beruflichen Möglichkeiten von Personen mit Epilepsie erstellt. Einige Berufe sind jedoch auch nach mehrjähriger Anfallsfreiheit nicht zu empfehlen. Dazu gehören Berufe mit Nacht- und Schichtarbeit, mit Absturzgefahr oder Berufe, für die ein Führerschein unbedingt erforderlich ist.

Ungeeignete Berufe für nicht-anfallsfreie Personen

Rein rechtlich gesehen sind in Deutschland für Menschen mit einer aktiven Epilepsie Berufe grundsätzlich ausgeschlossen, die das Führen von Kraftfahrzeugen zur Personen- oder Güterbeförderung beinhalten, wie zum Beispiel Berufskraftfahrer und Zugführer oder wo Schusswaffengebrauch unerlässlich ist. Ferner Tätigkeiten, bei denen eine Absturzgefahr besteht und wo Schicht- und Nachtarbeit nicht zu vermeiden sind. Zum Beispiel:

  • Dachdecker,
  • Feuerwehrmann,
  • Schornsteinfeger,
  • Förster,
  • Polizist,
  • Soldat,
  • Pilot,
  • Elektriker,
  • Taucher.

Die Gründe liegen in der Störung des Bewusstseins, die bei den meisten epileptischen Anfällen auftritt, und der damit oft verbundenen zumindest vorübergehend fehlenden Kontrolle während der Tätigkeit.

Nicht-anfallsfreie Personen sollten Berufe mit einem breiten Einsatzspektrum wählen.

mann mit epilepsie arbeitet mit kollegin im büro

Junge Menschen mit Epilepsie, die nicht anfallsfrei sind, sollten einen weit verbreiteten Beruf wählen, so dass nach Abschluss der Ausbildung möglichst viele Arbeitsplätze zur Verfügung stehen. Es sollte dabei ein Arbeitsplatz angestrebt werden, an dem keine besonderen zusätzlichen Schutzmaßnahmen erforderlich sind. Nach einem erstmaligen epileptischen Anfall und bei der allgemeinen Prüfung der beruflichen Eignung eines Epilepsie-Patienten ist die entsprechende Broschüre der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung heranzuziehen.

Geeignete Berufe

Empfehlenswerte Berufe für Menschen mit Epilepsie sind beispielsweise:

Kaufmännische Berufe z. B.
Büro- und Industriekaufmann
Versicherungskaufmann
Reisekaufmann
Verwaltungsangestellter

Technische Berufe und solche aus dem medizinischen Bereich z. B.
Elektrotechniker
Maschinenbautechniker
Medizinisch-technischer Assistent
Technischer Zeichner

Berufe des Hotel- und Gaststättengewerbes

Handwerkliche Berufe  z. B.
Industriemechaniker
Metallbearbeiter

Berufe aus dem Bereich Feingerätebau
z. B.
 
Augenoptiker
Zahntechniker

Akademische und andere Berufe z. B.
Journalist
Jurist
Lehrer
Pädagoge
Musiker
Mediengestalter
Politiker

Berufe für junge Menschen mit Epilepsie und zusätzlichen Beeinträchtigungen

Bei Menschen, die tagsüber nicht anfallsfrei sind oder zusätzliche Beeinträchtigungen haben, werden häufig Grenzen bei einer betrieblichen Ausbildung erreicht. Für diesen Personenkreis bieten die Berufsbildungswerke Ausbildungsangebote an verschiedenen Orten an. Das Berufsbildungswerk Bethel in Bielefeld ist speziell darauf ausgerichtet, die Behandlung ausbildungsbegleitend so zu optimieren, dass nach Ausbildungsabschluss die Integration auf dem ersten Arbeitsmarkt möglich ist. Berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen helfen Jugendlichen ohne Ausbildungsreife.

Für junge Menschen, die aufgrund ihrer Erkrankung noch keine Ausbildungsreife erreichen konnten oder in ihrer Berufswahl unsicher sind, stehen berufsvorbereitende Bildungsmaßnahmen (bvB) der Agentur für Arbeit zur Verfügung. Eignungsabklärungen mit Erprobung in verschiedenen Berufsfeldern helfen dabei, einen geeigneten Beruf zu finden. Diese Maßnahmen sind speziell auf bestimmte Fördergruppen und deren Schulungsbedarf zugeschnitten.

Epilepsie am Arbeitsplatz

Häufig sind Berufstätige mit Epilepsie verunsichert darüber, ob sie ihre Krankheit dem Arbeitgeber mitteilen müssen oder nicht.

Grundsätzlich ist ein Mensch mit Epilepsie nicht verpflichtet, seinen Arbeitgeber über seine Erkrankung zu informieren.

Folglich muss die Erkrankung auch nicht in einem Bewerbungsschreiben erwähnt werden. Wenn aber der Arbeitgeber bei der Auswahl oder der Gestaltung des Arbeitsplatzes auf wesentliche Einschränkungen in Hinblick auf die geforderten Tätigkeiten Rücksicht nehmen soll oder muss, ist der Arbeitnehmer mit Epilepsie verpflichtet, seinen Arbeitgeber auf seine Erkrankung hinzuweisen. Dies betrifft insbesondere risikoreichere Tätigkeiten.

Die Bundesagentur für Arbeit unterstützt die berufliche Eingliederung von Menschen mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen wie Epilepsie. Sollte aufgrund der Erkrankung eine Einarbeitung erforderlich sein, die über den üblichen Rahmen hinausgeht, kann die Arbeitsagentur den Arbeitgeber durch einen Eingliederungszuschuss unterstützen.

Anfälle, die keine Auswirkungen auf die vorgesehene Tätigkeit haben, müssen nicht angegeben werden.

Fragt der Arbeitgeber im Vorstellungsgespräch oder im Einstellungsfragebogen nach Krankheiten, müssen Sie die Epilepsie nur dann angeben, wenn trotz medikamentöser Behandlung Anfälle auftreten, die die vorgesehene Tätigkeit erheblich einschränken. Zur groben Orientierung können Sie folgende Regel heranziehen: Die Gefährdung am Arbeitsplatz darf nicht größer sein als in der häuslichen Umgebung.

Vielen Epilepsie-Patienten hilft es, mit dem Arbeitgeber und den Kollegen offen über die Epilepsie zu sprechen. So werden Vorurteile abgebaut und die Mitarbeiter hinsichtlich der ersten Hilfe nach einem plötzlichen epileptischen Anfall geschult. Darüber hinaus fühlen sich die Betroffenen sicherer in ihrem beruflichen Umfeld und haben weniger Angst vor einem unerwarteten epileptischen Ereignis am Arbeitsplatz.

Hilfen für Arbeitnehmer und Arbeitgeber

Die Mehrheit der an Epilepsie erkrankten Menschen benötigt keine speziellen Hilfen am Arbeitsplatz. Sollten sie dennoch erforderlich sein, gibt es vielfältige Gestaltungsmaßnahmen für den Arbeitsplatz und das Arbeitsumfeld, um die Risiken von Verletzungen und anfallsauslösenden Belastungen zu vermeiden oder zu verringern. Detaillierte Tipps für die Gestaltung des Arbeitsplatzes und zu organisatorischen Maßnahmen gibt das Informationssystem zur beruflichen Rehabilitation REHADAT.

Die Rehabilitationsträger (z. B. Bundesagentur für Arbeit, Rentenversicherung, Unfallversicherung) und das Integrationsamt unterstützen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, wenn eine Behinderung oder chronische Krankheit des Arbeitnehmers droht oder vorliegt.

Die Technischen Berater des Integrationsamtes und der Agentur für Arbeit (Technischer Beratungsdienst) helfen bei der Auswahl und Beschaffung der erforderlichen Hilfsmittel für eine funktionsgerechte Arbeitsplatzausstattung. Der Integrationsfachdienst (IFD) ist der Ansprechpartner für die psychosoziale Betreuung schwerbehinderter Menschen, wenn es zum Beispiel zu Konflikten mit den Kollegen kommt. Sie helfen auch bei der Vermittlung von Arbeitsplätzen. Die Integrationsfachdienste handeln im Auftrag der Rehabilitationsträger und der Integrationsämter.