Epilepsie und Führerschein

Für viele Menschen ist das Autofahren ein fester Bestandteil ihres Alltags. Der Führerschein bedeutet Unabhängigkeit und uneingeschränkte Mobilität und scheint für die Tagesplanung vieler Menschen unabdingbar: ob hinsichtlich der Fahrt zur Arbeit, zum Einkaufen, zu Terminen oder für den Fahrdienst für Kinder und andere Angehörige. Hier bilden Menschen mit Epilepsie keine Ausnahme. Ein epileptischer Anfall kann beim Autofahren zu schweren Verkehrsunfällen führen und stellt daher eine Gefahr für alle Verkehrsteilnehmer dar. Grundsätzlich gilt: Wer epileptische Anfälle erleidet, ist in der Regel nicht in der Lage, ein Kraftfahrzeug zu führen, solange ein wesentliches Risiko für erneute Anfälle besteht. Auch nach einem einmaligen epileptischen Anfall tritt zunächst ein Fahrverbot in Kraft. Darüber hinaus gibt es genaue Richtlinien für den Neuerwerb eines Führerscheins bei Epilepsie.

fahrlehrer bringt einer frau mit epilepsie autofahren bei

Das Fahrverbot bei Epilepsie ist für viele nach der erschütternden Diagnose das nächste einschneidende und Alltag verändernde Ereignis. Für Patienten, bei denen keine Anfallsfreiheit hergestellt werden kann, gibt es Hilfsangebote, durch welche die Benachteiligungen hinsichtlich der Mobilität so gut wie möglich ausgeglichen werden. Knapp 70% aller Epilepsie-Patienten werden unter der richtigen Medikation anfallsfrei, so dass das Autofahren trotz Epilepsie nicht dauerhaft ausgeschlossen ist, sondern nur einen vorübergehenden Zustand darstellt. Der behandelnde Arzt trifft die Entscheidung zur Fahrtauglichkeit auf Basis der aktuellen BAST-Richtlinien (Begutachtungsleitlinien zur Kraftfahrereignung der Bundesanstalt für Straßenwesen, Mai 2018) und dadurch, ob ein Patient ein Kraftfahrzeug führen darf oder nicht.

Nach den aktuellen BAST-Leitlinien gilt grundsätzlich:
Wer epileptische Anfälle erleidet, ist nicht in der Lage, ein Kraftfahrzeug zu führen, solange ein Risiko für wiederholte Anfälle besteht.
Für die Beurteilung der Fahreignung sind nach der Diagnose Epilepsie oder nach einem einmaligen Anfall Untersuchungen beim behandelnden Facharzt in jährlichen Abständen erforderlich. Bei einer langjährigen Anfallsfreiheit können die zeitlichen Abstände zwischen den Untersuchungen verlängert werden.

Die BAST-Leitlinien unterscheiden aufgrund der verschiedenen Anforderungen an die Fahreignung zwei Gruppen, für die unterschiedliche Regelungen gelten:

PKW und Motorrad (Gruppe 1)

Epilepsie-Patienten dürfen unter den folgenden Bedingungen PKW und/oder Motorrad fahren:

Bei einem einmaligen Anfall:

  • Nach einer anfallsfreien Zeit von mindestens 6 Monaten
  • Nach einer anfallsfreien Zeit von mindestens 3 Monaten, wenn der Anfall durch bestimmte Auslöser wie Fieber oder Schlafentzug, verursacht wurde.

Bei der Diagnose Epilepsie:

  • Nach einer anfallsfreien Zeit von mindestens 1 Jahr
  • Bei ausschließlich an den Schlaf gebundenen Anfällen nach mindestens 3-jähriger Beobachtungszeit
  • Bei einfachen fokalen Anfällen, ohne Bewusstseinsstörung und ohne weitere Behinderungen nach mindestens 1-jähriger Beobachtungszeit.

Bei einem erneuten Anfall:
(oder mehreren Anfällen innerhalb von 24 Stunden)

  • Nach einer Fahrpause von 6 Monaten, sofern die Untersuchung keine Hinweise auf eine erhöhte Gefahr einer Anfallswiederholung gibt.

Bei der Beendigung der Epilepsie-Therapie:

  • Personen, die fahrtauglich sind, dürfen kein Fahrzeug führen, solange Epilepsie-Medikamente reduziert werden und mindestens 3 Monate nach der letzten Medikamenten-Einnahme.

LKW und beruflicher Personentransport (Gruppe 2)

Die Richtlinien für das Führen eines LKW und für den beruflichen Personentransport sind wesentlich strenger aufgrund der höheren Belastungen und Anforderungen an den Fahrer. Epilepsie-Patienten mit wiederholten Anfällen und/oder mit einer medikamentösen Epilepsie-Therapie haben generell keine Fahrerlaubnis in dieser Gruppe.

Unter folgenden Bedingungen sind Epilepsie-Patienten für das Führen eines LKW und den beruflichen Personentransport geeignet:

Bei einem einmaligen Anfall:

  • Nach einer anfallsfrei gebliebenen Zeit von mindestens 2 Jahren
  • Nach einer anfallsfrei gebliebenen Zeit von mindestens 6 Monaten, wenn der Anfall durch bestimmte Auslöser wie Fieber oder Schlafentzug, verursacht wurde

Bei der Diagnose Epilepsie:

  • Nach einer anfallsfrei gebliebenen Zeit von mindestens 5 Jahren ohne medikamentöse Therapie

Neuerwerb des Führerscheins

Wenn ein Epilepsie-Patient einen Führerschein neu erwerben möchte, sollte er dies zunächst mit dem behandelnden Arzt besprechen. Der Arzt hat die Pflicht, seine Patienten auf der Grundlage der geltenden Leitlinien zu beraten und darüber aufzuklären, ob sie tauglich sind, ein Kraftfahrzeug zu führen oder nicht.

Im Führerschein-Antragsformular der Straßenverkehrsbehörde wird das Vorliegen einer Epilepsie abgefragt. Diese Frage muss wahrheitsgemäß beantwortet werden. Ein Attest über die Fahrtauglichkeit ihres behandelnden Arztes sollte dem Antrag am besten beigelegt werden. Die Straßenverkehrsbehörde entscheidet dann, ob ein weiteres Gutachten erforderlich ist. Dieses weitere Gutachten zur Beurteilung der Fahrtauglichkeit wird von einem Facharzt mit einer Zusatzqualifikation in Verkehrsmedizin oder Arbeitsmedizin erstellt. Der behandelnde Arzt darf nicht der Gutachterarzt sein.

Nachteilsausgleich bei dauerhafter Fahruntauglichkeit

geschäftsmann mit epilepsie steigt in einen zug

Da Epilepsie eine chronische Erkrankung ist, ist die Voraussetzung für die Beantragung eines Grad der Behinderung (GdB) oder auch Grad der Schädigungsfolgen (GdS) gegeben. Ab 50 Grad erhalten Betroffene einen Schwerbehindertenausweis, bei über 30 Grad können Betroffene auf Antrag von der Agentur für Arbeit schwerbehinderten Menschen gleichgestellt werden. Liegt eine erhebliche Beeinträchtigung der Bewegungsfähigkeit im Straßenverkehr vor, kann das Merkzeichen „G“ bewilligt werden. Mit diesem Merkzeichen kann beim zuständigen Amt für Soziales für circa 80 Euro eine sogenannte Wertmarke erworben werden, die bundesweit für ein Jahr zur Freifahrt im öffentlichen Personennahverkehr berechtigt.

Darüber hinaus gibt es in § 9 der Kraftfahrzeughilfe-Verordnung (KfzHV) im Rahmen der Teilhabe am Arbeitsleben die sogenannte Härtefallregelung, nach der ein behinderter Mensch hinsichtlich der Beförderung bezuschusst werden kann: wenn er das Fahrzeug nicht selbst führen kann oder darf und keine dritte Person zur Verfügung steht oder am Wohnort kein öffentlicher Personenverkehrt verfügbar ist, mit dem der Arbeitsplatz in zumutbarer Zeit erreicht werden kann. Hierfür ist eine anerkannte Schwerbehinderung keine Voraussetzung. Weitere Infos bezüglich des Antrages und des zuständigen Kostenträgers gibt es hier.

Ist ein Epilepsie-Patient bei seiner Tätigkeit auf ein Auto angewiesen, kann er im Rahmen der Arbeitsassistenz Hilfe beantragen. Das Autofahren wird dann entweder durch einen Assistenten übernommen oder extern durch Fahrdienstleister wie Taxi-Unternehmen. Weitere Informationen gibt es beim zuständigen Integrationsfachdienst und den lokalen Integrationsämtern.